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Aus dem Leben gegriffen

Von Karin Ait Atmane / Stuttgarter Wochenblatt
17.09.2009

Wer auf dem Friedhof arbeitet, ist täglich mit Sterben, Tod und Gedenken konfrontiert. Das hat viel mit dem Leben zu tun, weiß Werner Klink, der seit 30 Jahren auf dem Obertürkheimer Friedhof Gräber pflegt. Er trifft hier Angehörige und Trauernde, immer wieder entwickeln sich Gespräche. Auch Menschen, die Ruhe und Natur suchen oder in einer Ecke ungestört lernen wollen, kommen an diesen Ort mit seiner besonderen Atmosphäre. Und Klink kennt auch ganz andere Besucher: Krähen, Bussarde, Füchse und sogar ein Dachs gehören dazu.

Körperliche Arbeit, nachdenkliche Gespräche und unerwartete Gäste: Werner Klink arbeitet auf dem Obertürkheimer Friedhof

Wo, wenn nicht hier, würde man ins Nachdenken kommen: über Leben und Tod, über Gott und die Welt. Werner Klink kennt das. Seit 34 Jahren pflegt er Gräber auf dem Friedhof Obertürkheim und kann sich eigentlich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen: Wir haben den Gärtnermeister für die neue Folge unserer Lieblingsplatz-Serie "Hier bin ich Mensch" besucht.
Wahrscheinlich gibt es den Obertürkheimer Friedhof schon seit 700 Jahren. Seine Bereiche ziehen sich in Terrassen den Hang hinauf oder an ihm entlang, jeder für sich eine kleine abgeschlossene Einheit mit eigenem Charakter. "Das ist garantiert einer der schönsten Friedhöfe Stuttgarts, der steht in der Hitliste weit oben", sagt Werner Klink. Zum Arbeiten ist das abgestufte Gelände weniger ideal: Der Gärtner muss mit seinen Wägen steile Pflasterwege hoch, auch wenn 20 Blumenkisten drauf sind. "Das schlaucht", sagt der 56-Jährige, der ursprünglich Maschinenbautechniker gelernt hat. Nachdem er seine Frau kennengelernt hatte, half er öfter mal in der Gärtnerei ihrer Familie aus. Und nach der Heirat lernte er um, übernahm den Bereich Grabpflege der Gärtnerei und machte den Meister.
Werner Klink mag die Arbeit an der frischen Luft, zumindest meistens. Bei Eis und Schnee eine Beerdigung vorzubereiten, macht allerdings keinen Spaß. Und wenn im Sommer die Sonne sticht, gibt es leider nicht nur Schattengräber zu versorgen. Trotzdem würde der Obertürkheimer nicht tauschen. "Wir sind ein richtiges Biotop hier", sagt er. Weinberg-Trockenmauern und ein Stück Wiese mit Obstbäumen gehören zu den Randbereichen des Friedhofs. In der Kirche haben schon Turmfalken genistet, Bussard und Krähen sind oft zu Besuch, ebenso Eichhörnchen, Fuchs, Marder und sogar Dachs. Letzterer hatte vor zwei Jahren seinen Bau ausgerechnet unter einem von Klinks Pflegegräbern gebuddelt. Fünf Schubkarren voll Erde füllte Klink ein, bis "Grimbart" sich verzog. Im Jahr darauf kam er wieder und begann an exakt derselben Stelle zu buddeln. "Dann habe ich eine Baustahl-Matte reingemacht", erzählt der Gärtnermeister.
Für viele Menschen auf dem Friedhof ist er Ansprechpartner und manchmal Seelentröster: "Man kommt ja in Kontakt zu den Leuten, da erfährst du manche Lebensgeschichte." Oft kommen Wandergruppen vorbei, andere suchen gezielt die Ruhe und die Natur. "Wir haben wirklich auch Orte zum Verweilen", sagt Klink, der im Sommer oft auf einem bestimmten Schattenbänkle seine Vesperpause macht.
Auch Friedhöfe sind der Mode unterworfen: Mal waren liegende Grabsteine "in", dann wieder große, spitze Säulen. In den vergangenen Jahren werde "mehr auf individuelle Formen geachtet - und es wird auch wieder mehr erlaubt", sagt Klink. Auch ein bemaltes Totenbrett, sonst eher im Bayrischen üblich, findet sich auf dem Friedhof. Die alten Gräber stehen teilweise unter Denkmalschutz, wie ein Grabstein samt Mädchenskulptur aus Marmor, der gute 100 Jahre alt ist.